In Deutschland, in der EU und in Armenien: Wir brauchen mehr weibliche Führungskräfte in Politik und Wirtschaft!

Von Matthias Kiesler

Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Armenien

In diesen Tagen hat die Botschaft neue Sicherheitskräfte eingestellt. Schon bei der Durchsicht der schriftlichen Unterlagen der mehr als 130 Bewerber wurde deutlich: Die weiblichen Kandidaten schienen im Durchschnitt besser qualifiziert zu sein. Dies wurde in den Interviews mehr als bestätigt. Die Damen konnten sich besser präsentieren, ihre Fremdsprachenkenntnisse waren umfassender und sie überzeugten auch in ihrer Gesamtpersönlichkeit mehr als die meisten Herren. Im Ergebnis wurden drei der vier Stellen an Frauen vergeben – aber nicht – und das möchte ich ausdrücklich betonen – weil sie Frauen sind, sondern weil sie einfach besser waren.

Vielleicht nur eine Anekdote – aber diese Erfahrung sehe ich im Alltag bestätigt. Ich treffe immer wieder auf besonders dienstleistungsorientierte Kellnerinnen, ich sehe, mit welchem großen Einsatz Lehrerinnen an den Schulen und Ärztinnen in den Krankenhäusern wirken, , ich bin sehr beeindruckt von den Frauen, die im IT-Setor arbeiten oder sich in zivilgesellschaftlichen  Organisationen engagieren.

Nur: ich sehe aber auch, dass nach wie vor Frauen in den Führungsetagen in Politik und Wirtschaft kaum zu finden sind. Zwei Ministerinnen, so engagiert und gut sie auch sein mögen, in einem Kabinett von 20 Personen ist schon recht wenig. Auch im Parlament sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. Es gibt zwar einige Bürgermeisterinnen, aber sie sind in der absoluten Minderheit. In der Wirtschaft sieht es nicht anders aus: nur wenige Unternehmen, und dann auch eher die kleineren, werden von Frauen geleitet.

Um fair zu sein: Die Situation in Deutschland war bis vor wenigen Jahren nicht besser, und sie ist es in einigen Bereichen heute noch nicht. Bis in die siebziger Jahre saß meistens nur eine Frau am Kabinettstisch der Bundesregierung  –zumeist  als Gesundheits- oder als Familienministerin. Erst einmal wurde der Deutsche Bundestag von einer Frau geleitet; einen weiblichen Bundespräsidenten gibt es bis heute  nicht. Aber Frauen nehmen in Deutschland zunehmend wichtige politische Posten ein: Angela Merkel ist seit 2005 die erste Bundeskanzlerin, Ursula von der Leyen seit 2013 die erste Verteidigungsministerin, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen. Nach wie vor besteht aber auch bei uns in Deutschland Nachholbedarf bei der Besetzung von Führungspositionen in den großen Wirtschaftsunternehmen und beim Ausgleich von Lohnunterschieden. Deutschland hat zwar gute Fortschritte in den letzten 20 Jahren gemacht – aber Länder wie Schweden oder Norwegen sollten uns ein Ansporn sein. Gerade die nordischen Ländern haben zu Recht erkannt: Wir können es uns in einer globalisierten Welt nicht länger leisten, das Potential von mehr als 50 % der Bevölkerung zu vernachlässigen. Der Wohlstand in diesen Ländern ist neben anderen Faktoren wie geringe Korruption, Rechtsstaatlichkeit, funktionierende soziale Marktwirtschaft auch der Teilhabe der Frauen in Politik und Wirtschaft zu verdanken.

Ich sag es deutlich: Nicht nur Deutschland, auch andere EU-Staaten haben Defizite bei der politischen und wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen. Aber immerhin konnte der Anteil der Frauen in Regierungen und Parlamenten im EU-Durchschnitt auf etwa 28 % erhöht werden. Immerhin 23 % der Vorstandsmitglieder in großen Unternehmen waren im Jahr 2015 Frauen, aber leider nur 4,3 % der CEO sind Frauen. Und wichtig: Mit der EU-Kommission haben wir in der EU eine mächtige Institution, die u. a. mit ihren Berichten immer wieder – und erfolgreich – den EU-Mitgliedstaaten den Spiegel vorhält und sie auffordert, mehr zu tun. Ich als überzeugter Europäer sage: Ohne das Drängen der EU-Kommission wären wir in den EU-Mitgliedstaaten noch nicht so weit, was die Umsetzung der Frauenrechte angeht. Und die EU geht mit dem Anteil der Kommissare (neun von 27 sind weiblich), vor allem aber mit der Besetzung einer Schlüsselposition durch Federica Mogherini als Hohe Repräsentantin für Außen- und Sicherheitspolitik  mit gutem Beispiel voran.

Die Regierung vom Premierminister Karen Karapetyan ist angetreten, das Land zu reformieren, um es vor allem auch auf wirtschaftlichem Gebiet wettbewerbsfähiger als bisher zu machen. Dies ist ausdrücklich zu begrüßen. Eine Modernisierung der Wirtschaft und darüber hinaus der Gesellschaft kann aber nur gelingen – und davon bin ich überzeugt – wenn die Mehrheit der Bevölkerung, also die Frauen, stärker als bisher in Führungspositionen Verantwortung übernehmen. Hier sind Politik und Wirtschaft gleichermaßen gefordert. Die bevorstehenden Parlamentswahlen am 2. April und die danach zu erfolgende Regierungsbildung könnte eine große Chance für Armenien sein, der Welt zu verdeutlichen: Wir wollen Frauen mehr Möglichkeiten geben, an der Führung des Landes teilzuhaben.

Blumen zum 8. März, dem Internationalen Frauentag, an die Damen zu verschenken, ist eine schöne Geste. Noch schöner wäre es, wenn auf Blumen mehr Möglichkeiten der beruflichen Entfaltung für Frauen folgten.

(veröffentlicht in der armenischen Tageszeitung "Aravot" am 08. März 2017)

http://www.aravot.am/2017/03/08/863348/

Namensartikel von Botschafter Kiesler

Botschafter Matthias Kiesler